Demenz-Prognose 2060: Bis zu 2,1 Millionen Fälle – WIdO-Studie zeigt enormes Präventionspotenzial

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Die Zahl der Demenzfälle in Deutschland wird nach aktuellen Prognosen von etwa 1,3 Millionen im Jahr 2020 auf bis zu 2,1 Millionen im Jahr 2060 steigen. Das zeigen Modellrechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) in Kooperation mit den Universitäten Trier, Rostock und Köln, die im Mai 2026 im European Journal of Epidemiology erschienen sind. Zugleich geht die Erwerbsbevölkerung zurück: Stand einem Demenzfall im Jahr 2020 rechnerisch noch 38 Personen im erwerbsfähigen Alter gegenüber, werden es 2060 nur noch 21 sein. Die Prognose basiert auf einem neu entwickelten Mikrosimulationsverfahren mit einer eng gefassten Falldefinition – die Autoren weisen darauf hin, dass es sich um konservative Schätzungen handelt, die eher die untere Grenze der erwartbaren Fallzahlen markieren.

Die entscheidende Botschaft der Studie ist jedoch nicht der Anstieg, sondern seine Vermeidbarkeit. Legt man Szenarien zugrunde, in denen die Neuerkrankungsrate durch Prävention jährlich um ein bis zwei Prozent sinkt, stabilisieren sich die Fallzahlen im Jahr 2060 zwischen 1,3 und 1,5 Millionen. „Die alternativen Szenarien machen deutlich, welches enorme Potenzial in der Prävention steckt. Schon vergleichsweise kleine Verbesserungen bei den Neuerkrankungsraten können langfristig sehr große Effekte haben“, sagte WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Die Zahlen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Forschung auch die Früherkennung vorantreibt: Neue Bluttests auf Biomarker und verbesserte bildgebende Verfahren rücken eine Diagnose in immer frühere Krankheitsstadien. Für die Versorgungsplanung ist beides relevant – denn je früher Erkrankungen erkannt werden, desto länger leben Betroffene mit Unterstützungsbedarf im System. Die WIdO-Studie selbst erfasst allerdings bewusst nur klinisch manifeste Fälle; reversible Ursachen von Demenzsymptomen wurden aus der Falldefinition ausgeschlossen, was die Schätzungen konservativ macht.

Die regionale Kluft wächst auf das 3,5-Fache

Das neue Prognoseverfahren erlaubt erstmals Aussagen bis auf Kreisebene – und es zeigt eine auseinanderlaufende Entwicklung. Lag die Spanne der Demenz-Prävalenz im Jahr 2020 noch zwischen 1,0 Prozent in Tübingen und 2,6 Prozent in der brandenburgischen Prignitz, prognostiziert das Modell für 2060 eine Spanne von 1,7 Prozent in München bis zu 6,2 Prozent im Landkreis Elbe-Elster. Der Abstand zwischen der Region mit der höchsten und der mit der niedrigsten Prävalenz wächst damit auf mehr als das 3,5-Fache; die höchsten Werte werden für ländliche Regionen im Osten Deutschlands erwartet.

Noch deutlicher fällt die Schere bei der Versorgungsfrage aus: Die Kennzahl der Demenzfälle je 100 Personen im erwerbsfähigen Alter erreicht regional Werte zwischen 2,6 und 20,9. Bei einem Wert von 20,9 stehen rechnerisch weniger als fünf Erwerbstätige für die Versorgung eines Demenzfalls zur Verfügung. „Demenz ist eine ganz konkrete Herausforderung auf kommunaler Ebene. Die regionalen Unterschiede werden größer. Darauf müssen sich Versorgungsstrukturen, Pflegeangebote und Kommunalpolitik einstellen“, betonte Schröder. Auch im optimalen Präventionsszenario verschlechtert sich das Verhältnis – die Studie spricht selbst im günstigsten Fall von einem relativen Zuwachs des Versorgungsbedarfs um mehr als zehn Prozent gegenüber 2020.

Was die Präventionsforschung belegt

Die Annahme, dass ein erheblicher Teil der Erkrankungen vermeidbar ist, stützt sich auf eine gewachsene Evidenzbasis. Die internationale Lancet Commission on Dementia Prevention, Intervention and Care nennt in ihrem aktuellen Bericht 14 potenziell beeinflussbare Risikofaktoren – darunter geringe Bildung im frühen Lebensalter, Hörverlust, erhöhtes LDL-Cholesterin, Depression, Bewegungsmangel, Diabetes, Rauchen, Bluthochdruck, Adipositas, übermäßiger Alkoholkonsum, soziale Isolation, Luftverschmutzung und unbehandelte Sehstörungen. Diese Faktoren stehen nach Einschätzung der Kommission zusammengenommen für bis zu 45 Prozent aller Demenzfälle.

Für Deutschland hat eine Auswertung auf Basis des Deutschen Alterssurveys gezeigt: 36 Prozent der Demenzfälle lassen sich auf zwölf modifizierbare Risikofaktoren zurückführen, wobei Depression, Hörverlust, geringe Bildung und Adipositas die stärksten einzelnen Beiträge leisten. Würden diese Risikofaktoren auf Bevölkerungsebene bis 2050 um 15 bis 30 Prozent reduziert, gingen laut der im Bundesgesundheitsblatt erschienenen Übersichtsarbeit 170.000 bis 330.000 Erkrankungen weniger einher. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt in ihren Leitlinien unter anderem körperliche Aktivität, eine gesunde Ernährung, den Verzicht auf Nikotin sowie die konsequente Behandlung von Bluthochdruck, Diabetes und Hörbeeinträchtigungen.

Ob Lebensstilinterventionen in der Praxis wirken, untersuchen randomisierte Studien: Die finnische FINGER-Studie hatte als erste gezeigt, dass ein kombiniertes Programm aus Ernährung, Bewegung, kognitivem Training und Behandlung kardiovaskulärer Risiken den Erhalt der kognitiven Leistungsfähigkeit über zwei Jahre verbessern kann. In Deutschland wies die AgeWell.de-Studie mit 1.030 älteren Hausarztpatienten nach, dass eine in die Primärversorgung integrierte Lebensstilintervention das Demenzrisiko in einer Risikogruppe signifikant senkt. Allerdings fallen die Ergebnisse des inzwischen 73 Länder umfassenden World-Wide-FINGERS-Netzwerks gemischt aus – einzelne Studien zeigen keine signifikanten Effekte, was die Forschungsgemeinde zur Vorsicht gegenüber vorschnellen Versprechen mahnt.

Was das für Versorgung und Prävention bedeutet

Für das Gesundheitssystem ergeben sich aus den Daten zwei getrennte Aufgaben. Die erste ist zeitkritisch: Selbst bei erfolgreicher Prävention steigt der Versorgungsbedarf, weil die Bevölkerungsstruktur altert. Regionen mit prognostizierten Spitzenwerten müssten Pflegeangebote, ambulante Strukturen und Unterstützung für pflegende Angehörige ausbauen, bevor die Fallzahlen sie erreichen – die Kreisebene der Studie liefert dafür erstmals eine Planungsgrundlage.

Die zweite Aufgabe ist langfristig: Die identifizierten Risikofaktoren liegen zu einem erheblichen Teil außerhalb des klassischen Gesundheitswesens. Die Forschung unterscheidet dabei individuelle Verhaltensprävention von strukturellen Maßnahmen – etwa Tabakkontrolle, bewegungsfördernde Stadtplanung, Bildungszugang und Regulierung von Salz- und Zuckergehalten in Lebensmitteln. Der Vorteil solcher bevölkerungsbezogener Ansätze, so das Bundesgesundheitsblatt: Sie senken nicht nur das Demenzrisiko, sondern verbessern gleichzeitig die allgemeine Gesundheit. „Die Prävention von Demenz ist nicht nur gesundheitspolitisch sinnvoll, sondern auch sozial- und wirtschaftspolitisch dringend geboten“, fasst WIdO-Geschäftsführer Schröder zusammen.

Quellen

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