Aktuelle Einblicke in Medizin, Forschung und Prävention!

Typ-2-Diabetes in Deutschland: RKI-Prognose bis 2050 – bis zu 11 Millionen Betroffene
In Deutschland könnte die Zahl der Menschen mit diagnostiziertem Typ-2-Diabetes bis zum Jahr 2050 auf bis zu 11 Millionen ansteigen. Das geht aus einer Prognose des Robert Koch-Instituts (RKI) hervor, die im Fachjournal „Journal of Health Monitoring“ veröffentlicht wurde. Im Jahr 2022 lag die Prävalenz des Typ-2-Diabetes bei Erwachsenen demnach bei 8,6 Prozent – das entsprach rund 6,05 Millionen Betroffenen. Bei gleichbleibenden Neuerkrankungsraten erwarten die Forschenden für 2050 eine Prävalenz von 16,1 Prozent beziehungsweise 11,01 Millionen erkrankte Personen.
Bereits heute zählt Diabetes zu den häufigsten chronischen Erkrankungen in Deutschland. Nach der GEDA-Studie des RKI gab im Jahr 2022 rund jede zehnte erwachsene Person an, einen ärztlich diagnostizierten Diabetes zu haben; Frauen waren mit 9,2 Prozent seltener betroffen als Männer mit 11,1 Prozent.
Für die Modellrechnung nutzte das Team um Jens Baumert vom RKI altersspezifische Daten der bundesweiten Befragungsstudie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA) 2022 sowie Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherungen. Über ein sogenanntes Illness-Death-Modell wurden verschiedene Szenarien zur Entwicklung von Neuerkrankungen (Inzidenz) und Sterblichkeit (Mortalität) berechnet, ergänzt um Schätzungen zur Bevölkerungsentwicklung.
Alle gerechneten Szenarien zeigen dem Bericht zufolge in dieselbe Richtung: Prävalenz und Fallzahlen des Typ-2-Diabetes steigen zwischen 2022 und 2050. Der Grund liegt unter anderem in der Alterung der Gesellschaft – mit zunehmendem Alter steigt das Erkrankungsrisiko – sowie darin, dass Menschen mit Diabetes dank medizinischer Versorgung immer länger mit der Erkrankung leben.
Prävention entscheidet über das Ausmaß
Wie stark die Fallzahlen tatsächlich steigen, hängt der Studie zufolge vor allem von der Entwicklung der Neuerkrankungen ab. Sinkt die Zahl der jährlichen Neudiagnosen um zwei Prozent pro Jahr, läge die Prävalenz im Jahr 2050 nur noch bei 12,2 Prozent beziehungsweise 8,39 Millionen Betroffenen. Sinken zusätzlich die Sterberisiken der Erkrankten um zwei Prozent jährlich, prognostiziert das RKI 13,0 Prozent oder 8,94 Millionen Fälle. In allen Szenarien bleiben Männer häufiger betroffen als Frauen: 2022 lag die Prävalenz bei Männern bei 9,2 Prozent, bei Frauen bei 8,2 Prozent.
„Primärpräventive Ansätze zur Verringerung von Risikofaktoren des Typ-2-Diabetes sind entscheidend, um einem Anstieg der Fallzahlen entgegenzuwirken“, schlussfolgern die Autorinnen und Autoren. Zu den veränderbaren Risikofaktoren zählt das RKI unter anderem ungünstiges Ernährungs- und Bewegungsverhalten sowie Übergewicht. Auch Umwelt- und soziale Rahmenbedingungen wie Luftverschmutzung und soziale Benachteiligung spielen den Angaben zufolge eine Rolle.
Bei der Zahl der Neuerkrankungen war in Deutschland zuletzt ein leicht rückläufiger Trend zu beobachten, der sich jedoch in den Pandemiejahren nicht gleichermaßen fortsetzte. Wie das RKI berichtet, stieg die Inzidenz nach einem deutlichen Absinken im Jahr 2020 in den Folgejahren wieder an. Ob es sich dabei um einen Nachholeffekt bei Diagnosen oder um eine tatsächliche Trendwende handelt, müsse die weitere Auswertung zeigen.
Mehr als 90 Prozent aller Fälle sind Typ 2
Der Typ-2-Diabetes dominiert das Krankheitsgeschehen in Deutschland deutlich. Nach Angaben der Nationalen Diabetes-Surveillance am RKI entfallen über 90 Prozent aller Diabetesfälle auf den Typ 2, etwa 5,5 Prozent auf den Typ 1. Die Surveillance, gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit, wertet dazu Gesundheitssurveys, Abrechnungs- und Versorgungsdaten, amtliche Statistiken und Diabetesregister aus und stellt die Ergebnisse öffentlich bereit.
Die Auswertungen zeigen auch Belastungen für die Versorgung: Herz-Kreislauf-Erkrankungen und depressive Beschwerden treten bei Menschen mit Diabetes häufiger auf als bei Menschen ohne Diabetes. Von den insgesamt verlorenen Lebensjahren gehen beim Typ-2-Diabetes 67,4 Prozent auf gesundheitliche Einschränkungen zurück. Positiv vermerkt die Surveillance, dass die Rate ambulant-sensitiver Krankenhausfälle – also stationärer Behandlungen, die bei guter ambulanter Versorgung vermeidbar wären – zurückgegangen ist.
Auch international nehmen die Fallzahlen zu. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leben weltweit etwa 830 Millionen Menschen mit Diabetes, der überwiegende Teil in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Mehr als die Hälfte der Betroffenen erhalte keine Behandlung, so die WHO. Eine im Fachjournal „The Lancet“ erschienene Auswertung kommt zu dem Ergebnis, dass sich die weltweite Verbreitung des Diabetes seit 1990 etwa verdoppelt hat – von rund sieben auf rund 14 Prozent der erwachsenen Bevölkerung.
Früherkennung und Prävention im Fokus
Die WHO betont, dass eine frühe Diagnose der Ausgangspunkt für eine gute Versorgung sei: Je länger ein Diabetes unentdeckt bleibe, desto ungünstiger seien die gesundheitlichen Folgen. Als wirksame bevölkerungsweite Ansätze nennt die Organisation Maßnahmen, die gesunde Lebensbedingungen fördern – etwa Bewegung, gesunde Ernährung und den Verzicht auf Tabak. Zudem verweist sie auf die Bedeutung regelmäßiger Kontrollen etwa von Blutdruck und Blutfetten, um Folgeerkrankungen vorzubeugen.
Für Deutschland folgert das RKI aus seiner Modellrechnung, dass die Entwicklung der Neuerkrankungsraten der wichtigste Hebel sei. Die Nationale Diabetes-Surveillance soll die Datengrundlage für solche Präventionsentscheidungen weiter ausbauen; sie gilt am Institut zugleich als Pilotprojekt für die Surveillance weiterer nichtübertragbarer Krankheiten.
Dieser Artikel dient der allgemeinen gesundheitlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnostik. Bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden wenden Sie sich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.



